Rund 230 Gäste folgten vergangene Woche der Einladung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte und der Werkstatt 20. Jahrhundert ins Kieler Wissenschaftszentrum – ein Andrang, der das Interesse an der Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte eindrucksvoll bestätigte. Die Geschichtsgesellschaft setzte damit ihre erfolgreiche Reihe fort, Stadtgeschichte auch im Licht der „großen“ Geschichte zu betrachten.

Veranstaltung am 18.09.2026 mit Götz Aly und Martin Sabrow

Götz Aly antwortet auf Martin Sabrows Fragen und Anmerkungen zu seinem Buch „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“.

Veranstaltung am 18.09.2026 mit Götz Aly und Martn Sabrow: Blick ins Publikum

Zum Gespräch zwischen den beiden Historikern Götz Aly und Martin Sabrow erschienen am 18. September so viele Interessierte im Wissenschaftszentrum, dass die Stühle knapp wurden.

Veranstaltung am 18.09.2026 mit Götz Aly und Martin Sabrow: Rolf Fischer begrüßt die Gäste

Der Vorsitzende Rolf Fischer begrüßt die zahlreichen Gäste im Publikum und leitet in den Abend ein.

Im Zentrum des Abends stand das neue Buch des Historikers Götz Aly: „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945″ (S. Fischer Verlag). Auf über 700 Seiten fragt Aly, mit welchen Herrschaftstechniken es gelang, Millionen eigentlich unauffällige Menschen in ein mörderisches System hineinzuziehen – von sozialen „Bestechungspraktiken“ wie Urlaub oder Kindergeld bis zur integrierenden Wirkung des Krieges. Sein Blick richtet sich dabei bewusst weniger auf die in der NS-Forschung klassischen Erklärungsmuster – etwa Hitlers „charismatische Herrschaft“ im Sinne Max Webers, die ideologische Prägung der Täter oder die Rolle von Terror und Gewalt – als vielmehr auf die Bevölkerung, Wählergruppen und die leisen Mechanismen der Zustimmung.

Veranstaltung am 18.09.2026 mit Götz Aly und Martin Sabrow

Zwei Fachkollegen im Gespräch über die Frage, wie ein ganzes Volk schrittweise in Zustimmung, Mitläufertum und schließlich Mittäterschaft am NS-System und seinen Verbrechen hineingezogen werden konnte.

Genau hier setzte Martin Sabrow an, der Aly alles andere als schonte: Stütze sich das Buch nicht zu stark auf die Tagebücher von Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels und gerate damit zu nah an dessen Perspektive? Und träten Gewalt, Ideologie und das „Führer-Charisma“ im Buch nicht auffällig in den Hintergrund? Aly widersprach, verwies auf seine früheren Arbeiten zu diesen Themen und verteidigte und erklärte verständlich seine bewusste Entscheidung für eine neue Perspektive.

So entwickelte sich ein Gespräch, das streckenweise fast an ein Streitgespräch grenzte – scharf in der Sache, aber stets von gegenseitigem Respekt getragen. Das Gespräch verdeutlichte anschaulich, die Essenz von Geschichtswissenschaft als ein Ringen und Argumentieren von unterschiedlichen Perspektiven. Das Publikum verfolgte den Schlagabtausch mit sichtlicher Spannung, und auch nach dem offiziellen Teil blieben viele, um mit den beiden renommierten Historikern ins Gespräch zu kommen. Wer wollte, konnte sich das Buch direkt signieren lassen.